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Wenn Paul Accola keine Lust hat

Es gibt sie, die Tiefpunkte als Reporter. Mit einem Mikrofon bewaffnet, an Grossereignissen mit Sportlern, die zwar breite Sympathie geniessen, man aber als Reporter nicht herausfindet, warum. So gab es in vielen Jahren beim Radio für mich einige schwere Momente. Grosse Sportler, die viel zu sagen hätten, dies aber nicht wollten.

So passiert im Jahre 2001 an der Ski-WM in St. Anton in Österreich. Ich weiss bis heute nicht, ob ich dem baggerfahrenden Athleten oder den damaligen Verantwortlichen des Ski-Verbandes für diese Anekdote danken muss. Die Geschichte wollte es aber so, dass Paul Accola vor der WM offenbar wegen zu spätem Trainingsantritt eine hohe Busse bekam. Bis heute weiss ich nicht, ob er die jemals bezahlen musste. Egal, die Ski-WM war bereits eine Woche alt, der Medaillenspiegel aus schweizer Sicht noch blank. Alle fuhren sie am Podest vorbei, bis zum 6. Februar; da wurde die Kombination, bestehend aus Abfahrt und Slalom, ausgetragen. Besagter Paul Accola aus Davos sollte es sein, der als erster Schweizer auf das Podest fuhr und sich die Bronzemedaille sicherte. Das Warten auf eine Medaille hatte ein Ende und ich konnte für das Radio endlich Erfreuliches aus Österreich berichte. So hätte der Plan eigentlich sein sollen, doch den hatte ich ohne Paul Accola gemacht. Kaum im Ziel als Medaillengewinner angekommen, liess dieser verlauten, dass er keine Interviews gebe, das solle der Verband machen, der ihn schliesslich gebüsst habe. Was für eine tolle Idee des Sportlers. Was er jedoch nicht wusste: Auch er musste durch die Medienzone laufen, was er dann auch tat. Diese Medienzonen sind jeweils aufgeteilt in Print-, TV- und Radiojournalisten. So kam Paul Accola dann doch noch zum Interview, jedenfalls blieb er stehen. Auf Fragen der Reporter antwortete er nickend, Schulter zuckend oder mit Handzeichen. Diese sind jedoch sehr schwer auf einer Aufnahme zu hören. So musste ich in der Redaktion anrufen, um mittzuteilen, dass ich keinen einzigen O-Ton (Originalton) vom ersten Medaillengewinner der Schweiz hatte. Als junger Radioreporter war das für mich ein Stahlbad, was eigenwillige Sportler angeht.

Es blieb mir nichts übrig, als tatsächlich ein Interview mit dem Verbandspräsidenten zu führen, der sich sehr über die Bronzemedaille vom stummen Paul freute.

Nur am Rande noch eine weitere tolle Anekdote dieses Tages: Am Abend fand auf dem Hauptplatz in St. Anton dann die grosse Medaillenübergabe statt. Da sieht man die Skistars einmal fein rausgeputzt, weil es ja doch eine tolle Sache ist, sich vor tausenden betrunkenen Ski-Fans zu präsentieren. Auch da war Paul irgendwie anders. Weil er die Mütze mit dem Aufnäher oder in seinem Fall vermutlich Aufkleber „Menzi Muck“ vergessen hatte, stand der Paul an der grossen Zeremonie mit dem Helm da. Ein Bild, dass mir in der Seele doch irgendwie gut getan hat. Paul mit dem Helm auf dem Kopf, während die Hymne gespielt wurde: Ein Bild für die Götter.

In der Zwischenzeit habe ich Paul einmal in privater Atmosphäre angetroffen und ihn auf meine Geschichte angesprochen. Seine Antwort darauf war: „Ja und?“

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